Therapeutisches Klettern

Stärken des Kletterns

Welches könnten nun diese Stärken des Kletterns sein? Bei Beantwortung dieser Frage helfen neben den reflektierten Erfahrungen des Teams auch die vielen positiven Rückmeldungen, die wir im Laufe der Zeit von Kursteilnehmern bekommen haben. So entdeckte wichtige Ressourcen und Potentiale des Kletterns sind in eine systematische Form gegossen auf körperlicher, psychischer, sozialer und ökologischer Ebene zu gliedern:

 Ressourcen des Therapiekletterns...
...fördern die Gesundheit:
 
KÖRPERLICH
 
  •  Bewegungsmuster des Kletterns sind evolutionär tief verwurzelt im Menschen
 sehr niedrige Zugangsschwelle zum Therapieklettern, zur archaischen Bewegungsform des Kletterns auch für physisch und psychisch sehr beeinträchtigte Menschen
  •  Freude an der Bewegung, Lust am Körper
 gutes Körpergefühl, körperliches Wohlbefinden, fördert die Körperakzeptanz
  •  Körperwahrnehmung, Sensibilisierung für Körperempfindungen
 Spürbewusstsein für das eigene Selbst, eigene Gesundheitsbedürfnisse
  •  spürbarer Wechsel von Anspannung und Entspannung beim Klettern bringt letztlich tiefe Entspannung physisch und psychisch
 erlernte Entspannungsmethoden auch als Selbsthilfestrategie bei psychosozialen Belastungen
  •  "Kick-Erlebnis" und Glücksgefühl durch Ausschüttung körpereigener Morphine, Endorphine
 kann den Hang zum riskanten "Kick-Erlebnis" durch gesundheitsschädlichen Drogenkonsum mindern und ersetzen
  •  Kräftigung des gesamten Organismus
 Widerstandskraft und Vorbeugung gegen viele körperliche Krankheiten
  •  gute Durchblutung der Organe
 kommt auch der Sexualität zu gute
 
PSYCHISCH
 
  •  Freude und Spaß beim Klettern mit dem Partner und in der Gruppe
 ein Zugewinn an Lebensfreude und Lebensqualität
  •  neues Interesse entdecken
 ein Interesse, ein Hobby, eine erfüllende Freizeitbeschäftigung (Interessenlosigkeit als Symptom der Depression)
  
  •  Genuss beim "Plaisirklettern"
 Klettern (auch in sog. "Genuss-Klettergärten") kann Genussbedürfnisse befriedigen; kein Ersatz durch gesundheitsschädliche Drogen

  •  hohes Belohnungspotential des Kletterns
kann wahrgenommenes Belohnungspotential von Drogen und Alkohol ersetzen

  •  Abschalten von Alltagsproblemen und Alltagsstress
 Reduktion von Stress als allgemeiner Risikofaktor; Reduzierung von Stresssymptomen wie Schlafstörungen, körperliche Spannungen
  
  •  Erfahrung von Zielen beim Klettern
 möglicher Transfer in andere Lebensbereiche; ein Leben mit Zielen (Viktor Frankl; der Kletterer als Bild für die Logotherapie)
  
  •  direkte positive Lernerfahrung; Training führt zum Erfolg und Ziel
 steigert das Selbstwirksamkeitsgefühl, mehr Selbstvertrauen
  
  •  garantierte Erfolgserlebnisse durch die sehr gute Dosierbarkeit der Kletteranforderungen
 Erfolgserlebnisse steigern das Selbstwert, die Selbstwirksamkeitserwartung
  •  Stolz auf bewältigte Klettermeter, die vollbrachte Leistung
 mehr Selbstwert wirkt z.B. positiv gerade bei Depressionen
  
  •  Stolz auf den Mut, den man aufbringen muss; Stolz, dass man/frau sich getraut hat, die Wand hoch zu klettern
 wichtige Erlebnisqualitäten in der psychiatrischen Arbeit mit oft entmutigten KlientInnen, die sich kaum mehr was zutrauen
  
  •  Wahrnehmung der eigenen Vitalität; Spüren körperlicher Kraft
 wichtige Erlebnisqualitäten in der psychiatrischen Arbeit mit oft passiven, resignativen Menschen
  •  ein hohes Motivationspotential des Kletterns insgesamt
 die Eigenmotivation der KlientInnen als ein entscheidender Faktor für Genesungsprozesse; wichtig für KlientInnen mit Antriebsschwierigkeiten oftmals
  
  •  Lernerfahrungen im Umgang mit Angst; Möglichkeit der graduellen, fein abgestuften Annäherung an subjektive Ängste
 erlernen von graduellen Bewältigungsformen im Umgang mit Angst
  •  "Flow-Erlebnis": völliges Aufgehen in der freudigen Aktivität - Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes auf das Klettern - Erlebnis der Aufmerksamkeitskonzentration - Verschmelzen von Bewusstsein und Handeln - vorübergehendes Vergessen der eigenen Identität mit allen damit verbundenen Problemen - Gefühl der Kontrolle über das Tun
 salutogene Wirkung bei Aufmerksamkeitsstörungen, welche sich in vielen psychopathologischen Zustandsbildern finden

wichtiges Erlebnis für Menschen, die ihr Leben nicht "in den Griff bekommen"
 
SOZIAL
 
  •  das intensive Miteinander beim Klettern fördert eine Beziehungsentwicklung (gemeinsamer Spaß, entstehende Nähe, notwendiges gegenseitiges Vertrauen, gegenseitige Verantwortung, supportive Atmosphäre beim gemeinsamen Bouldern, Bilden von Seilschaften etc.)
  • Klettern ist reich an Metaphorik zu Beziehungsthemen: Halten und Gehalten werden, sich fallen lassen, "blindes Vertrauen" zum Sicherungspartner, das Seil als Verbindung zweier Menschen etc.
 eine geförderte zwischenmenschliche Beziehung ist wichtige Kraftquelle und Schutzfaktor der Gesundheit
  •  partnerschaftliche Beziehung zum Sporttherapeuten, potentiell hohe (nonverbale) Beziehungsdichte
 positive Beziehung zum Therapeuten als eine Basis für den Erfolg der Zusammenarbeit auch im Rehabilitationsalltag
  •  Kontakte unter Kletterern, in der Klettergruppe und Kletterszene
 Netzwerkförderung; soziale Integration in eine Gruppe fördert psychosoziales Wohlbefinden
  •  alternativer Sozial- und Lebensraum
 Distanzierung von der Drogenszene
 
ÖKOLOGISCH
 
  •  Klettern outdoor
 frische Luft und Sonnenlicht wirken Depressionen entgegen
  •  Klettern an Felsen in freundlichen, warmen Flecken der Natur
 Naturerlebnis fördert psychische Ausgeglichenheit und Erholung

Diese sicherlich nicht gänzlich erschöpfende Liste an potentiellen Ressourcen des Kletterns begründet unsere Ansicht, dass das besondere Medium Klettern ausgezeichnete Möglichkeiten der Gesundheitsförderung, Erlebnis- und Psychotherapie bietet.